Tagung "Leib und Sprache" - Universität Basel
11./12. November 2011

 
 

 

Die Sprache ist also jene eigenartige Vorrichtung, die uns,
wie unser Leib, mehr gibt, als wir hineingesteckt haben
Maurice Merleau-Ponty

Der Körper ist Sprache, weil er im tiefsten Grunde ,Flexion’ ist
Und wenn die Sprache den Körper nachahmt, dann nicht etwa
durch die Lautmalerei, sondern durch die Flexion
Gilles Deleuze


Die Tagung „Leib und Sprache” widmet sich dem komplexen Beziehungsgeflecht, das Sprachlichkeit und Körperlichkeit miteinander verbindet. Jenseits einer Vorstellung von Sprache als dem gedanklichen Kosmos aller isolierbaren Aussagen fragt sie nach der notwendigen Verkörperung des Diskursiven im jeweiligen Sprechereignis. So kann etwa die deiktischen Ausdrücke „hier” oder „dort” nur sinnvoll aussprechen, wer durch seinen Leib irgendwo steht. Der Leib ist unweigerlich immer im Spiel, ob in der Stimme, die dem Wort verliehen wird, in der Mimik, die die Rede bekräftigt oder in der Geste, in der sich das Gesagte prägnant verdichtet. Damit zeigt sich, dass die Körper-„Sprache” keine randständige Begleiterscheinung des Aussagegeschehens darstellt, sondern dessen Sinn maßgeblich mitbestimmt: Oft zeigt erst der Tonfall oder der Gesichtsausdruck an, wie die Aussage zu verstehen ist. Doch nicht selten verrät die Körpersprache noch ganz anderes, als dem Redner lieb ist: unkontrollierte Regungen sprechen über tiefere Beweggründe Bände.

Die Basler Tagung fragt nach solchen Momenten, wo der Körper „sprechend” wird, umgekehrt aber auch nach der Körperlichkeit von Sprache, von der Klangmaterie über die expressive Verkörperung bis hin zum schriftlichen Zeichenträger, aber auch nach der Wirkung von Sprache auf Körper, von der rhetorischen Suggestion und ihrer emotionalen Aufladung bis hin zu der Macht verletzender Worte, die tiefe Spuren hinterlassen können. Denn leibliche Symptome verraten nicht nur mehr, als den Sprechenden recht wäre, auch den Hörenden teilt sich mehr mit als der Informationsgehalt einer Aussage: Zwischenmenschliche Kommunikation besteht auch stets aus zwischenleiblicher Kommunikation und in solchen affektiven Gemeinschaften zirkulieren nicht nur Meinungen, sondern auch Kräfte.

Die Tagung soll die Frage aufwerfen, inwiefern Leiblichkeit nicht bloß eine präreflexive Ebene biologischer Selbstorganisation darstellt, sondern ihr eine eigene Form von Reflexivität eigen sein könnte, die in Merleau-Pontys Idee einer „Reflexivität des Leibes” oder Deleuzens Idee „flektierter” Körper angedacht wurde. Damit ist freilich auch stets das methodische Problem aufgerufen, welche Sprache über den Leib überhaupt möglich ist. Denn ebenso wie unsere Sprache von leiblich fundierten Metaphoriken nur so durchzogen ist, so bleibt umgekehrt zu bedenken, inwiefern wir über den Leib überhaupt anders als im nur übertragenen Sinne sprechen können.


Freitag, den 11. November
Ort: Philosophisches Seminar

14 Uhr                  Emmanuel ALLOA/Miriam FISCHER "Begrüssung und Einführung"

14.30-15.15        Emil ANGEHRN "Körper, Leib, Fleisch - Von den Inkarnationen der Sprache"
15.15-16              Ludwig JÄGER “Die Leiblichkeit der Sprache. Phylogenetische Reminiszenzen in systematischer Absicht”

16-16.30              Pause

16.30-17.15        Joachim KÜCHENHOFF "Zwischenleiblichkeit und Körpersprache. Sinn und Nicht-Sinn körperbezogener psychischer Leiden"
17.15-18              Stefan KRISTENSEN: “Leiblichkeit und Zeugenschaft. Zur Phänomenologie der Trauerarbeit”

18.30                     Abendvortrag im Grossen Hörsaal des Schönen Hauses

Bernhard WALDENFELS „Sprachkörper und Körpersprache“



Samstag, den 12. November
Ort: Eikones, Forum

9.30-10.15          Gottfried BOEHM  "Leib, Gebärde, Bild. Skizzen zur einer Logik des Zeigens"
10.15-11              Christian GRÜNY “Artikulation und Resonanz. Sprachverstehen als zwischenleiblicher Vorgang”

11-11.30              Pause

11.30-12.15        Jörg STERNAGEL “Vom Körperausdruck zum Ausdruckskörper. Über Leiblichkeit im Film”
12.15-13            Andris BREITLING: “Zeigende Rede. Weltbezug und Gestaltungsspielraum der Sprache”

13-15                    Mittagspause

15-15.45              Matthias FLATSCHER “„La restance ... qui fait tout sauf rester .“ Revisionen der Materialität des Zeichens nach Derrida”
15.45-16.30        Gerald POSSELT „Die Gewalt der Tropen. Repräsentation und Wortergreifung in Kafkas ‚In der Strafkolonie’“

16.30                   Abschlussdiskussion
17.30                   Ende

Um Anmeldung wird gebeten.

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